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Corona Sommer (Laufender Blog) ...

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Apr 19 2020

LK Ostallgäu (Bayern) (GPS: 47°52,690'N; 010°44,574'W)

Foto Web Freitag, der dreizehnte März macht seinem Namen alle Ehre. Ein rabenschwarzer Tag, auch wenn am Himmel die Sonne strahlt! Nach diesem Tag ist nichts mehr wie es war! Ein neuartiges Virus namens 'SARS-CoV-2' breitet sich aus - und hebt die Welt aus den Angeln! Nicht nur die der Reisenden, aber ihre ganz besonders! Reisepläne? Makulatur! Zukunft? Ungewiss! Job? Auf der Kippe! Erspartes? Dreißig Prozent Verlust in acht Tagen! Das hat die Welt noch nicht gesehen!

Europa übt sich derweil in Solidarität: jedes Land macht, was es will. Die meisten schließen von heute auf morgen ihre Grenzen. Reisende sind keine willkommenen Gäste mehr, sondern potentielle Virenträger. Neben Italien wird Spanien am heftigsten gebeutelt, die Infektionszentren liegen in Madrid, Barcelona und im Baskenland. Dort, wo die Menschen dicht aufeinander hocken. Nach wenigen Tagen kollabiert das Gesundheitssystem, Pfleger und Krankenschwestern nehmen angeblich Reißaus, die verbliebenen Ärzte sind überfordert. In verlassenen Wohnungen Madrids findet das Militär halbverweste Leichen. Vergleiche zu den Pest- und Cholera-Epidemien des Mittelalters drängen sich auf.

Foto Web Die Lage in Deutschland scheint eine Nuance besser zu sein, auch wenn allerorten Atemmasken und Schutzkleidung fehlen. Vor allem in Kliniken, Alten- und Pflegeheimen! Doch jeder stellt sich den Herausforderungen dieser nie erlebten Epidemie. Nach dem Appell der Kanzlerin haben auch die Letzten ein Einsehen und beenden ihre Corona-Partys. Distanz ist das Gebot der Stunde! 'Social Distancing' ist in aller Munde!

Foto RKI Abstand halten um jeden Preis! Es scheint die einzige Waffe gegen den neuen, unsichtbaren Feind zu sein. Medikamente sind frühestens im Sommer zu erwarten, Impfstoffe vermutlich erst Anfang nächsten Jahres! Und so steigt die Zahl der Infizierten Tag um Tag, obwohl Schulen und Kindergärten geschlossen bleiben, die meisten Fabriken stillstehen und das gesellschaftliche Leben auf Null reduziert ist. Auch wenn die Einschränkungen schmerzhaft sind und mit unserer Vorstellung von Freiheit so gar nicht konform gehen mögen, habe ich den Eindruck, dass das deutsche Krisenmanagement die Lage halbwegs im Griff hat. [1]

Doch zurück nach Spanien!

Foto Web Frohgemut war ich am 06.März in Cádiz resp. El Puerto de Santa Maria eingerollt. Die Mammutetappe von Ouarzazate über Marrakech steckte mir noch in den Knochen und ich war froh gewesen, auf dem gemütlichen Camp Las Dunas einen Gang zurückschalten und ein paar der übriggebliebenen Arbeiten an der Lady Grey erledigen zu können. 'Corona' war nicht mehr als die Marke eines leckeren Biers aus Mexiko. Was sich bald ändern sollte.

Foto Spanien Am 14.März wird der nationale Notstand ausgerufen, 'Estado Alarma' genannt. Von heute auf morgen geht nichts mehr. Nichts! Nada! Die Supermärkte sind zwar geöffnet, aber die Schlangen endlos und viele Regale leer. Familien mit zwei, drei vollbepackten Einkaufswagen verlassen den 'El Paseo', Hamster­käufe: nicht Toilettenpapier, sondern Wein, Bier, Nudeln und Kartoffelchips. Die Menschen ahnen wohl, was ihnen bevorsteht! Das Verlassen der Wohnung ist nur noch in wenigen begründeten Ausnahmefällen erlaubt: den Hund Gassi führen, zum Arzt, zur Apotheke oder in den Supermarkt. Sonst nichts! Die Polizei kontrolliert rigoros. 'Lockdown' heißt das neue Unwort. Die Spanier muss er besonders hart treffen, verbringen sie doch den Großteil ihrer Freizeit in Parks oder am Strand, um den oft winzigen Wohnungen zu entfliehen, die sich oft ganze Großfamilien teilen. Nun müssen sie drinnen ausharren!

Foto Spanien Den Campern wird eine viertägige Frist gesetzt, den Platz zu verlassen. Die meisten machen sich fluchtartig auf den Weg gen Heimat, einige Hartgesottene bleiben bis zum Schluss. Einen besseren Platz zum Schutz vor Ansteckung kann man sich - eigentlich - gar nicht wünschen: die Wohnmobile auf dem halbverwaisten Camp stehen mit Dutzenden Metern Abstand und jeder hat seine eigenen Sanitäranlagen an Bord, ideale Quarantänestationen auf Rädern! Doch die Offiziellen wissen es natürlich besser und schließen rigoros. Am 25.März verlasse ich als vorletzter das sichere Domizil.

Foto Spanien Ich will die Pandemie auf jeden Fall hier unten aussitzen! Zumindest das Schlimmste. Völlig sinnbefreit erscheint es mir, den Virus kreuz und quer durch Europa zu schleppen und jedermann davon kosten zu lassen, der einem unterwegs über den Weg läuft! Weit mehr Sinn macht es doch, an Ort und Stelle zu bleiben, sich bestmöglich zu schützen (und damit die anderen) und so wenig Kontakt zu pflegen wie irgend möglich. Nach den Übungen im 'Social Distancing' am Rande der Sahara fällt es mir nicht schwer, den Abstand einzuhalten, den ich vor Wochen in einem völlig anderen Kontext eingefordert hatte. [2]

Foto Spanien Zusammen mit einem halben Dutzend weiterer Gestrandeter - Spanier, Engländer und ein türkisches Pärchen - richte ich mich auf einem weiträumigen Parkplatz direkt am Strand ein. Das hat zwar viel von 'Urlaubsumgebung': Palmen, weiter Sandstrand und ungetrübter Blick auf die Skyline von Cádiz, Urlaubsfeeling mag sich dennoch nicht einstellen! In den zwei Wochen, die wir dort stehen, fährt ein Dutzend Streifenwagen an uns vorbei - pro Tag. Manchmal auch pro Stunde. Weder die 'Guardia Civil', noch die 'Policia Local' noch die 'Policia Nacional' aber interessiert sich für uns. Erste Hoffnung keimt auf, den Notstand wirklich aussitzen zu können. Er kann schließlich nicht ewig dauern!

Foto Spanien Drei Tage vor Ostern ist's aus mit Sitzen! Irgendetwas liegt in der Luft, zum wiederholten Mal wird der - menschenleere - Strand gesäubert, die Palmen geschnitten und die Abfallbehälter geleert. Vermutlich kommt ein hohes Tier zu Besuch - da wollen sich die Stadtoberen nicht blamieren! Auch unsere winzige Kolonie muss weichen! Eine Zivilstreife mit ordentlich Lametta auf der Schulter nimmt unsere Personalien auf. Am Tag drauf weist uns eine weitere Streife recht freundlich auf bevorstehende Kontrollen hin. Auch darauf, dass es 600€ Strafe kosten wird, falls wir dann noch angetroffen werden! Strafbefehl mit Vorwarnung - hat es so etwas je gegeben? Mit aller Macht will man uns in eines der 'Notfallhotels' einquartieren, die die Regierung schon vor drei Wochen ausgewiesen hatte und die offenbar noch immer leerstehen.

Foto Spanien Dort würden wir dann dicht auf dicht sitzen, in winzigen Zimmern mit eher bescheidenen sanitären Einrichtungen! Abstand Mangelware, Ansteckung nahezu garantiert! Nicht mit mir! Lieber greife ich zu Plan 'B', auch wenn es mindestens vier Wochen zu früh dafür ist! Aber das Herumlungern ohne Möglichkeit, etwas zu unternehmen, dabei mit der steten Angst, ein weiteres Mal vertrieben - oder schlimmeres - zu werden, lässt an Entspannung nicht denken! Also: ab nach Hause. Die Fahrt wird ja mindestens eine Woche dauern, dann ist Ostern vorbei und die schlimmsten Einschränkungen könnten mit etwas Glück schon gelockert werden!

Foto Spanien Plan 'B' hatte vorgesehen, von Cádiz aus gen Osten und gemütlich an der Mittelmeerküste entlang (ohne großen Kontakt natürlich) zu rollen. Schnell muss er allerdings einem Plan 'C' weichen, als ich realisiere, wie eifrig die spanische Polizei bei den Kontrollen vorgeht: an praktisch jeder Autobahnausfahrt sowie vor und hinter jeder Stadt lauern sie. Denn: nicht zwingend notwendige Fahrten sind in ganz Spanien bei Strafe verboten!  [3]

Foto Spanien Plan 'C' führt mich hingegen problemlos über die Nordwestroute via Salamanca, Valladolid und Burgos im großen Bogen um die besonders betroffene Hauptstadt Madrid herum. Von unschätzbarem Vorteil ist die durchgehende - und kostenfreie - Autobahn, auf der ich nur eine einzige Kontrolle über mich ergehen lassen muss. Überhaupt sieht man die Sache in der Estremadura oder Kastilien weit entspannter als in Andalusien!

Beängstigend ist die Fahrt trotzdem: an einen einzigen Fahrtag überholen mich sieben (!) Leichenwagen; eine Zahl, die ich sonst in einem ganzen Jahr nicht zu Gesicht bekomme! Davon abgesehen ist die Autobahn auto- und menschenleer. Nur lange Brummi-Konvois wälzen sich nord- wie südwärts: frische Tomaten aus Portugal will man in Deutschland (und anderswo) auch in der Krise auf dem Teller haben!

Foto Frankreich Die Grenze zu Frankreich ist ein Klacks. Zwar werde ich wie erwartet kontrolliert und zeige brav mein 'Attestation Deplacement' vor, werde aber freundlich weitergewunken. Überhaupt sieht man im Südwesten Frankreichs die Lage ebenfalls recht locker: die meisten Läden sind geöffnet und kaum einer trägt Mundschutz oder Handschuhe; kein Wunder, liegt der Brennpunkt der Epidemie doch im fernen Paris bzw. in den Regionen nahe der deutschen Grenze. Sogar zwei Tage Fahrpause genehmige ich mir, halte Abstand, fasse die ersten Eindrücke der Europatour in schwierigen Zeiten zusammen und tröste mich mit dem bewährten Spruch: »Einfach kann ja jeder!«

Foto Frankreich Nach 2600 Kilometern im Eilmarsch, auf denen ich außer Autobahnschildern und Begrenzungs­pfosten wenig vom Land gesehen habe - von Leuten ganz zu schweigen -, stehe ich vor der deutschen Grenze. Geschafft, endlich 'zuhause', endlich 'in Sicherheit!'! "Die Grenzen sind bis auf weiteres geschlossen!" hatte ich allerdings schon vor Tagen erfahren.

Bei Breisach finde ich einen der wenigen geöffneten Grenzübergänge. Sehr diensteifrig erklären mir dort die Beamten, dass ich ein unkalkulierbares Infektionsrisiko darstelle - schließlich war ich ja in Afrika gewesen, in Spanien und in Frankreich - allesamt vom RKI ausgewiesene Risikogebiete! Daher müsse ich mich nun zwei Wochen lang in häuslicher Quarantäne absondern! Zur Sicherheit wollen sie mich gleich telefonisch beim zuständigen Gesundheitsamt melden, haben aber ähnlich viel Glück wie ein paar Dutzend wirkliche Corona-Fälle. Schließlich drücken sie mir ein langes Merkblatt in die Hand, welche Regeln während der Quarantäne zu befolgen sind.

Foto Deutschland Im krassen Gegensatz zu den Ermahnungen stehen ihre persönlichen Schutzmaßnahmen: keiner der Beamten trägt Mund- und Nasen-Schutz oder gar Handschuhe, bei der 'Befragung' sitzen wir Schulter an Schulter und zum Abschied will mir einer gar die Hand schütteln. Schnell zieht er sie allerdings zurück, als ich nur meinen Wei vorbringe. Ich hoffe, sie waschen sich hinterher wenigstens ordentlich die Hände! Ist persönliche Schutzausrüstung in Deutschland wirklich derart rar? In Spanien und Frankreich jedenfalls war ich keinen einzigen Gesetzeshüter ohne Atemschutz und Handschuhe begegnet. emoticon

Bemerkenswert ist auch der Verkehr auf deutscher Seite: in Spanien hatte ich außer Leichenwagen und LKW-Konvois praktisch kein Auto gesehen, im Frankreich wenige PKW mehr, aber insgesamt waren die Straßen 'menschen- und autofrei'. Gleich hinter der Grenze aber stehe ich schon im Stau! Quer durch Freiburg quält sich eine endlose Kolonne, schlimmer als in 'normalen Zeiten'. Edle Cabrios mit edel bekleideten Insassen, eng umschlungene Beifahrer*innen auf knatternden Motorrädern: jeder will das sonnig warme Frühsommerwetter zu einer Spritztour nutzen. Von Ausgangsbeschränkung, vom Verbot touristischer Reisen oder Tagesausflügen jedenfalls keine Spur!

Foto Bayern Glücklich (?) in der Heimat angekommen, stellt sich prompt die nächste Frage: die Campingplätze in der gesamten Republik sind geschlossen. Reisemobil­stellplätze dito, von Hotels ganz zu schweigen! Touristen und 'fahrendes Volk' sind selbst im eigenen Land nur potentielle Virenüberträger! Wohin also? Was sich die Regierung bei der Schließung dieser Einrichtungen gedacht haben mag, muss man nicht verstehen. Man muss nur Wege finden, es zu umgehen! Nur: In Bayern wird das noch ein wenig rigoroser durchgesetzt als in anderen Bundesländern.

Foto Bayern So bin ich mehr als froh, bei meiner Anwältin im Allgäu Unterschlupf zu finden, wo ich schon fast als Teil der Familie aufgenommen werde! Natürlich mit gebührendem Abstand und ohne große Willkommensparty, dafür mit einem riesigen Fresskorb für die nächsten vierzehn Tage!

So sitze ich in der Lady Grey, meiner 'Luxusherberge' [4] in Quarantäne und muss mich von den netten Kindern meiner Herbergsfamilie und den Nachbarn 'absondern', darf keinen Besuch empfangen und darf (eigentlich) nicht mal vor die Tür. Bei strahlendem Sonnenschein und frühsommerlichen Temperaturen fällt das zwar schwer, aber ich denke, unterm Strich hab ich's nicht allzu schlimm getroffen und den Zeitpunkt auch ganz passabel gewählt: denn Anfang Mai, wenn die persönliche Quarantänezeit zu Ende geht, sollen ja auch die schlimmsten Einschränkungen im öffentlichen Leben gelockert werden. Voraussichtlich wird man dann - sogar in Bayern - wieder Wandern, Radlfahren und die Natur genießen dürfen.

Irgendwann im Sommer werden dann auch Camping- und Reisemobilplätze wieder öffnen - und man wird durch die Lande tingeln dürfen, ohne mit einem Fuß im Kalabusch zu stehen. Abstandhalten und Menschenaufläufe meiden: das wird vermutlich auch dann noch angesagt sein, aber uns Naturfreunden und Fernreisenden sollte das doch nicht allzu schwerfallen!

Trenner

Die Zeit bis dahin werde ich nutzen, Liegengebliebenes aufzuarbeiten und alternative Pläne für den Sommer zu schmieden. Daneben bleibt auch Zeit zu Feiern! Denn das darf bei aller Aufregung nicht untergehen: heute ist ein ganz besonderer Tag! Einer, der einfach begossen werden muss:

2500 Tage auf AchseINFO

So werde ich die letzte Flasche Schampus köpfen, den Rachen gehörig desinfizieren und knapp sieben Jahre auf Achse in Gedanken vorüberziehen lassen. Es war eine herrliche Zeit gewesen - mit unglaublich vielen schönen Momenten und netten Begegnungen! Und diese Zeiten werden wiederkommen! Wenn nicht heute, dann in naher Zukunft. Wenn nicht in der gewohnten Weise, so doch in ähnlicher, vielleicht sogar besserer Art! Krisen sind schließlich nicht nur Herausforderungen, sie bergen immer auch Chancen in sich!

Wie es weitergeht, steht momentan noch in den Sternen ... oder weiß die Kristalllkugel etwa mehr?

Foto Web

Fußnoten:
(die Nummern führen zurück zur jeweiligen Textpassage ...)

[1] Mit allen Maßnahmen bin ich nicht einverstanden. Vor allem stößt mir auf, dass immer nur von der Wirtschaft die Rede ist, die gerettet werden muss oder von der potentiellen Überlastung der Krankenhäuser. Von den Bürgern, von den Patienten höre ich kein Wort, auch wenn unterm Strich die Bemühungen auf ihren Schutz hinauslaufen sollen!
Was in der öffentlichen Kommunikation ebenfalls völlig untergeht - vermutlich bewusst verschwiegen wird, um die Alarmstimmung nicht zu reduzieren - ist die Anzahl von Infizierten im Verhältnis zur Einwohnerzahl! Bei 83 Millionen Einwohnern (DE) relativieren sich die 143.825 Infizierten (Stand 19.04.2020 00:00h) zu 0,1732 Prozent! Klar, jeder davon ist zu viel und die Dunkelziffer dürfte hoch sein! Aber wenn das Gesundheitssystem schon kollabiert, wenn 0,2 Prozent der Einwohner krank sind, was soll dann bei einer wirklichen Pandemie werden, wenn vielleicht ein oder zwei Prozent erkranken?

[2] Meine Anmerkungen zum Abstandhalten in der Wüste  erscheinen mir heute wie ein Déjà-vu auf die Situation 'nach Corona'.

[3] Ich hatte ein Schreiben der deutschen Botschaft in Madrid ausgedruckt, worin der spanischen Polizei die Situation erklärt und darum gebeten wird, den Touristen doch bitte weiterfahren zu lassen. Dennoch gab es zweimal lange Diskussionen darüber.

[4] Im Vergleich zu den spartanischen Zimmern in den spanischen Notfallshotels darf ich die Lady Grey durchaus als 'Luxusherberge' bezeichnen.